Beipackzettel 02 „Verantwortung übernehmen“ aus der Kolumne Zu Risiken und Nebenwirkungen deiner Stärken

Beipackzettel 02: Wer immer übernimmt, wird nie abgelöst

Verantwortung abgeben fällt am schwersten denen, auf die immer Verlass war. Beipackzettel 02 der Kolumne „Zu Risiken und Nebenwirkungen deiner Stärken“, über die Nebenwirkungen von: Verantwortung übernehmen.

Freitag, 17:40 Uhr

Eine Mail kommt herein, eigentlich nicht deine Baustelle. Du antwortest trotzdem. Nicht, weil du musst. Sondern weil du weißt, dass es sonst liegen bleibt. Und du hast recht: Es bliebe liegen.

Wenn du auf die Woche zurückschaust, war es nicht die erste. Am Montag hat dich jemand gefragt, ob du „kurz drüberschauen“ kannst. Du hast drübergeschaut und gleich die Hälfte korrigiert. Am Mittwoch hast du die Abstimmung koordiniert, weil sich sonst niemand um die Termine gekümmert hätte. Und deine eigenen Aufgaben warten jetzt wieder bis zum Abend.

Niemand hat dich gezwungen. Es hat sich einfach so ergeben. Wie immer.

Wofür diese Stärke einmal gut war

So bist du beruflich groß geworden. Wer Dinge auffängt, bekommt mehr Dinge. Wer mehr Dinge bekommt, steigt auf. Verantwortung war deine Eintrittskarte.

Die Logik dahinter ist klug: Wer gebraucht wird, gehört dazu und hat Einfluss. Verantwortung hat dir einen festen Platz gesichert.

Manchmal beginnt diese Stärke lange vor dem ersten Job. In einer Familie, in der jemand ausfiel. In einem Team, das unterbesetzt war. In Situationen, in denen Zuschauen keine Option war. Wer dort übernommen hat, hat das Richtige getan. Und er hat dabei etwas gelernt, das sich tief einprägt: Wenn ich es mache, ist es sicher.

Was sie heute kostet

Irgendwann merkst du, dass um dich herum eine erstaunliche Ruhe entstanden ist. Die anderen sind nicht faul. Sie haben nur gelernt, dass es jemanden gibt, der übernimmt.

Das ist die stille Logik dieser Stärke: Je zuverlässiger du bist, desto weniger müssen andere es sein. Unersetzlichkeit wird zur Falle. Und die Erschöpfung sieht niemand, weil ja alles läuft.

Im Beruf zeigt sich das so: Du wirst für Aufgaben angefragt, die nicht zu deiner Rolle gehören, aber zu deinem Ruf. Jede Beförderung bringt mehr Verantwortung, aber selten weniger Aufgaben. Und im Urlaub bist du erreichbar, „falls was ist“.

In Führung wird es heikel. Wer immer selbst einspringt, nimmt anderen die Gelegenheit, an einer Aufgabe zu wachsen. Das Team bleibt kleiner, als es sein könnte. Und du bleibst die Person, ohne die nichts geht. Das fühlt sich wie Bedeutung an. Es ist aber auch ein Engpass.

Privat sieht es oft ähnlich aus. Du organisierst, erinnerst, denkst mit. Irgendwann fragt keiner mehr, ob du das eigentlich willst. Es ist einfach deins.

Ein Muster für zwei

Verantwortung übernehmen ist selten ein Solo. Die Psychologin Harriet Lerner beschreibt in ihrer Arbeit über Beziehungen ein Muster, das sie Über- und Unterfunktionieren nennt. Je mehr der eine übernimmt, desto weniger übernimmt der andere. Und je weniger der andere übernimmt, desto mehr muss der eine übernehmen.

Keiner von beiden ist schuld. Das System hat sich eingependelt. Genau deshalb ist es so stabil. Wenn du versuchst, allein aus diesem Muster auszusteigen, wackelt zuerst alles. Das ist kein Zeichen, dass es nicht funktioniert. Es ist ein Zeichen, dass sich etwas bewegt.

Warum das nicht privat ist

In vielen Teams tragen einige wenige das Gewicht, das eigentlich verteilt sein müsste. Man nennt sie zuverlässig. Erschöpft nennt man sie meist erst, wenn sie es längst sind.

Das ist mehr als ein Eindruck. Die Organisationsforscher Rob Cross, Reb Rebele und Adam Grant haben 2016 beschrieben, dass in vielen Organisationen 20 bis 35 Prozent der wertvollen Zusammenarbeit von nur drei bis fünf Prozent der Mitarbeitenden getragen werden. Sie nennen das kollaborative Überlastung. Gerade die Hilfsbereitesten geraten dabei am schnellsten an ihre Grenze, weil jede gute Erfahrung mit ihnen neue Anfragen nach sich zieht.

Verantwortung wird in Organisationen also nicht gleichmäßig verteilt. Sie fließt dorthin, wo sie zuverlässig aufgefangen wird.

Woran du diese Nebenwirkung erkennst

  • Du beantwortest Mails, für die du nicht zuständig bist, „nur kurz“.
  • Du delegierst, kontrollierst aber so eng, dass es schneller gegangen wäre, es selbst zu machen.
  • Wenn du ausfällst, bleibt tatsächlich etwas liegen. Und du bist ein bisschen stolz darauf.
  • Du sagst „Ich mach das schon“, bevor jemand anderes antworten kann.
  • Du bist müde, könntest aber nicht genau sagen, wovon.

Keiner dieser Punkte ist ein Befund. Zusammen ergeben sie ein Muster.

Gebrauchsinformation: Verantwortung übernehmen

Tabelle „Gebrauchsinformation: Verantwortung übernehmen“ von Wirkstoff bis Dosierungshinweis, jeweils mit „War früher nützlich“ und „Wird zum Problem, wenn“
Bild: KI-generiert

Nicht absetzen. Neu einstellen: Verantwortung abgeben lernen

Abgeben ist kein Verzicht auf Verantwortung. Es ist eine andere Form davon. Wer Verantwortung für das Abgeben übernimmt, fragt nicht mehr „Wer erledigt das?“, sondern „Wer soll das lernen?“. Das ist anstrengender als selbst machen. Für eine Weile.

Konkret kann das so aussehen:

Eine Aufgabe, eine Person, ein Lernziel. Gib nicht alles auf einmal ab. Wähle eine Aufgabe, die du seit Jahren selbst erledigst, und eine Person, die daran wachsen kann. Sag dazu, was sie dabei lernen soll. Dann ist Abgeben kein Abschieben, sondern Entwicklung.

Das Liegenbleiben aushalten. Wenn du aufhörst aufzufangen, bleibt erst einmal etwas liegen. Das ist der Moment, in dem andere merken, dass es jetzt auf sie ankommt. Wer in diesem Moment wieder einspringt, bestätigt das alte Muster.

Den Weg statt des Ergebnisses kontrollieren. Andere werden es anders machen als du. Manchmal schlechter, manchmal besser. Frag nicht „Ist es so, wie ich es gemacht hätte?“, sondern „Ist es gut genug, und lernt jemand dabei?“

Verantwortung bleibt deine Stärke. Sie wird nur größer, wenn sie nicht mehr allein bei dir liegt.

Frage zum Mitnehmen: Was würde passieren, wenn du eine Woche lang nichts auffängst, und wer würde es dann lernen?

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