Mehr Erfahrung, weniger Halt: Warum Karriere uns nicht mehr trägt.
Ein Text über Übergänge
Es gibt Sätze, die höre ich in meiner Arbeit immer wieder. Und ich höre sie auch in mir selbst.
„Früher wusste ich, wofür ich das alles mache.“ „Ich habe mehr Erfahrung als je zuvor und gleichzeitig weniger Orientierung.“ „Ich kann mithalten, aber ich will das Spiel nicht mehr spielen.“
Das sind keine Midlife-Klischees (könnte man denken…). Das sind Systemrisse.
Das Alte hat getragen. Tut es aber nicht mehr.
Lass uns ehrlich sein: Das System, in dem viele von uns sozialisiert wurden, hat funktioniert. Leistung brachte Sicherheit. Anpassung brachte Zugehörigkeit. Karriere bedeutete Fortschritt. Wachstum bedeutete Sinn.
Bis es das nicht mehr tat.
Nicht schlagartig. Sondern schleichend.
Erst wurde alles schneller. Dann komplexer. Dann internationaler. Dann diffuser.
Heute ist alles gleichzeitig möglich und genau das ist das Problem.
Mehr Erfahrung, weniger Halt
Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, sind extrem leistungsfähig. Schnell denkend. Strategisch. Emotional differenziert. Oft hochbegabt, oft hochsensibel – fast immer beides.
Sie haben gelernt, sich in komplexen Systemen zu bewegen. Und genau deshalb merken sie als Erste, wenn diese Systeme innerlich leer laufen.
Was sie irritiert, ist nicht mangelnde Kompetenz. Es ist der Verlust klarer Bezugspunkte.
- Woran messe ich „gut“ noch, wenn alles relativ wird?
- Was ist Fortschritt, wenn Technologie zwar beschleunigt, aber nicht entlastet?
- Für wen sind diese digitalen Entwicklungen eigentlich ein Gewinn und für wen nicht?
- Was bleibt von Identität, wenn Kulturen sich vermischen, aber nicht mehr verankern?
Je mehr Optionen, desto weniger Richtung. Je mehr Wissen, desto weniger Gewissheit.
Digitalisierung: Fortschritt oder Dauerstress?
Wir nennen es Fortschritt, wenn Prozesse schneller werden. Wir nennen es Innovation, wenn Technik übernimmt. Wir nennen es Effizienz, wenn Menschen sich an Systeme anpassen.
Aber kaum jemand fragt laut: Was macht das eigentlich mit uns?
Mit Aufmerksamkeit. Mit Beziehung. Mit Entscheidungsfähigkeit. Mit Sinn.
Viele meiner Klient:innen sagen irgendwann: „Ich funktioniere – aber ich komme nicht mehr bei mir an.“
Das ist kein individuelles Versagen. Das ist eine Überforderung durch Dauerbeschleunigung.
Postwachstum beginnt nicht in der Wirtschaft, sondern im Kopf
Mich interessiert Postwachstum nicht als moralisches Konzept. Sondern als psychologische Realität.
Postwachstum beginnt in dem Moment, in dem Menschen spüren, dass „mehr“ keine Antwort mehr ist.
Mehr Geld. Mehr Verantwortung. Mehr Möglichkeiten. Mehr Sichtbarkeit.
Es reicht nicht mehr. Und das irritiert zutiefst – gerade Menschen, die gelernt haben, Lösungen zu finden.
Hier wird es spannend. Denn genau hier tauchen die Fragen auf, die sich nicht mehr wegoptimieren lassen:
- Wie will ich arbeiten, wenn Lebenszeit spürbarer wird?
- Wie will ich führen, wenn Kontrolle nicht mehr greift?
- Wie will ich entscheiden, wenn Komplexität bleibt?
Warum mich Forschung (wieder) reizt
Vielleicht ist das der Punkt, an dem ich selbst unruhig werde. Warum mich der Gedanke an Forschung – und ja, auch an eine Promotion – nicht loslässt.
Natürlich: Die zwei Buchstaben auf dem Klingelschild haben Charme.
Aber ehrlich? Mich reizt etwas anderes viel mehr.
Ich will diese Übergänge nicht nur begleiten, sondern verstehen. Ich will Muster erkennen. Ich will Inkonsistenzen benennen.
Meine Praxis zeigt mir seit Jahren dieselben Phänomene, über Branchen, Rollen und Hierarchien hinweg. Forschung könnte ihnen Tiefe, Schärfe und Halt geben.
Gerade in der Verbindung von psychologischer Perspektive und Gesundheitsforschung – wie sie etwa Véronique M. J. De Gucht von der Leiden University in den Niederlanden vertritt – wird deutlich, wie sehr Dauerstress, Sinnverlust und Entscheidungsdruck miteinander verknüpft sind. Nicht theoretisch. Körperlich. Emotional. Real.
Die Jüngeren wissen es längst. Sie nennen es nur anders
Studierende, jüngere Generationen, Berufseinsteiger:innen. Sie spüren diese Brüche oft früher.
Nicht, weil sie weniger belastbar sind. Sondern weil sie weniger bereit sind, sich blind einzufügen.
Sie fragen:
- Warum soll ich mich kaputtarbeiten für ein System, das selbst keine Richtung mehr kennt?
- Wofür genau?
- Und zu welchem Preis?
Ich halte sie nicht für verweichlicht. Ich halte sie für ehrlichere Seismografen.
Meine Rolle: nicht beruhigen, sondern übersetzen
Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, Antworten zu liefern. Und ganz sicher nicht darin, Menschen wieder „fit fürs Alte“ zu machen.
Ich übersetze.
Zwischen Erfahrung und Desillusionierung. Zwischen persönlicher Krise und systemischem Wandel. Zwischen dem, was war und dem, was noch keine Sprache hat.
Vielleicht ist genau das der Kern meiner Arbeit. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Praxis und Forschung sich berühren.
Nicht, um Sicherheit zu versprechen. Sondern um Orientierung in Unsicherheit möglich zu machen.
Wenn das Alte nicht mehr trägt, müssen wir nicht schneller laufen.
Wir müssen genauer hinschauen.
Das wollte ich heute einfach mal „loswerden“.
Eure Kristin von #Gedankenakrobaten









