KI-generiertes Bild: Frau am Schreibtisch denkt nach, im Hintergrund ein Whiteboard mit Sprechen, Denken, Sortieren, Entscheiden – Titelbild zum Blogartikel Sprechdenken

Ich muss reden, um zu wissen, was ich denke

Bist du eigentlich eher ein visueller oder ein auditiver Mensch?

Diese Frage taucht in meinen Coachings erstaunlich häufig auf.

Manchmal ganz direkt. Häufiger versteckt sie sich hinter anderen Beobachtungen:

  • Warum muss ich Dinge aufschreiben, damit ich sie wirklich verstehe?
  • Warum kann ich im Gespräch plötzlich Zusammenhänge erkennen, auf die ich alleine nicht gekommen wäre?
  • Warum kann ich mir manche Gespräche hervorragend merken und andere Informationen sind kurz danach einfach weg?
  • Warum liebe ich manche Telefonate – und andere strengen mich nach zehn Minuten unglaublich an?

Schnell landen wir dann bei Kategorien wie „visuell“ oder „auditiv“.

Die sind durchaus hilfreich.

Aber nur, solange wir sie nicht für eine Bedienungsanleitung halten.

Visuell oder auditiv? Ganz so einfach ist es nicht.

Eine wichtige Einschränkung vorweg: Die Vorstellung, Menschen ließen sich eindeutig in feste visuelle oder auditive „Lerntypen“ einteilen, ist wissenschaftlich so nicht gut belegt.

Was wir allerdings durchaus beobachten können, sind Präferenzen und unterschiedliche Stärken bei der Verarbeitung von Informationen.

Manche Menschen denken stärker in Bildern, räumlichen Anordnungen und Schriftbildern. Andere nutzen stärker Sprache, Klang, inneres Sprechen oder den Dialog mit anderen.

Im Alltag kann das ziemlich deutlich werden:

Tabelle: Wie sich eher visuell und eher auditiv orientierte Menschen beim Denken, Erinnern, Erklären, Lernen, Notizen, Telefonieren und Entscheiden unterscheiden
Bild: KI-generiert

So eine Gegenüberstellung kann ein erster Hinweis sein.

Im Coaching interessiert mich allerdings etwas anderes viel mehr:

Was willst du mit der Information gerade tun?

Denn genau dort wird es spannend.

Aufnehmen ist nicht dasselbe wie Denken

Wir werfen nämlich häufig verschiedene Prozesse in einen Topf:

  • Wie nehme ich Informationen auf?
  • Wie entwickle ich Gedanken?
  • Wie verarbeite ich Emotionen?
  • Wie sortiere ich Komplexität?
  • Wie treffe ich Entscheidungen?
  • Und wodurch kann ich mich später wieder an etwas erinnern?

Das müssen keineswegs dieselben Kanäle sein.

Und genau deshalb frage ich im Coaching inzwischen lieber:

Was brauchst du in welcher Phase deines Denkens?

Denn jemand kann hervorragend über Sprache denken und trotzdem Schwierigkeiten damit haben, große Mengen gesprochener Informationen aufzunehmen.

Jemand kann im Gespräch Emotionen verstehen und anschließend Papier brauchen, um daraus eine Entscheidung zu machen.

Und jemand kann eine Idee im Dialog entwickeln, sie aber erst dann wirklich behalten, wenn sie irgendwo sichtbar geworden ist.

Das ist keine Inkonsistenz.

Es sind unterschiedliche kognitive Aufgaben.

Und dann gibt es die Sprechdenker

Hier kommt ein Begriff ins Spiel, bei dem ich im Coaching immer wieder kleine Erleuchtungsmomente erlebe:

Sprechdenken.

Manche Menschen denken zunächst und sprechen anschließend über das Ergebnis.

Andere Menschen beginnen zu sprechen – und entdecken beim Sprechen, was sie eigentlich denken.

Typische Sätze sind:

„Moment, jetzt, wo ich das gerade sage …“

„Ah. Ich glaube, jetzt verstehe ich, was mich daran eigentlich stört.“

Oder mein persönlicher Favorit:

„Warte. Ich muss das einmal laut denken.“

Das Gespräch ist dann nicht nur Kommunikation.

Es ist Denkraum.

Und genau das beobachte ich in Coachings sehr häufig. Menschen erzählen mir etwas und unterbrechen sich plötzlich selbst:

„Ach krass. Das habe ich so noch nie gesehen.“

Dabei habe ich manchmal noch gar nichts Spektakuläres gesagt.

Aber ich habe Fragen gestellt. Einen Gedanken zurückgespiegelt. Eine Irritation gesetzt. Oder schlicht Raum gelassen.

Das Gegenüber wird im Coaching zur Resonanzfläche, an der Gedanken Kontur bekommen.

Ich kenne das ziemlich gut von mir selbst

Auch mein eigenes Denken funktioniert stark auf diese Weise.

Wenn ich ein komplexes Thema konzipiere, ein Problem auseinandernehme oder verstehen möchte, was mich emotional eigentlich beschäftigt, hilft mir das Gespräch enorm.

Ich berichte dann nicht unbedingt von einem Gedanken, der vorher schon fertig in meinem Kopf lag.

Der Gedanke entsteht beim Formulieren.

Und manchmal höre ich mich selbst etwas sagen und denke:

Ach. DAS ist es.

Wenn ich dagegen sortieren oder entscheiden möchte, passiert bei mir etwas vollkommen anderes.

Dann brauche ich Papier.
Stift.
Whiteboard.
Eine Tabelle.
Eine Mindmap.

Ich möchte Möglichkeiten nebeneinander sehen. Pfeile ziehen. Zusammenhänge sichtbar machen. Dinge verschieben oder durchstreichen.

Und wenn ich mir etwas wirklich merken möchte, hilft mir häufig ebenfalls das Aufschreiben.

Meine persönliche Verarbeitung sieht deshalb ungefähr so aus:

Was passiert gerade?Was bei mir besonders gut funktioniert
Gedanken entwickelnsprechen, Dialog, Resonanz
Emotionen verstehensprechen und Zusammenhänge im Gespräch entdecken
Komplexität sortierenschreiben, skizzieren, sichtbar machen
Entscheidungen treffenMöglichkeiten visuell nebeneinanderlegen
Information behaltenaufschreiben und visuelle Anker setzen
Neue Gedanken daraus entwickelnwieder sprechen

Bin ich damit auditiv?

Oder visuell?

Beides. Je nachdem, welche Aufgabe mein Gehirn gerade lösen soll.

Mein Lieblingsbeispiel: Telefonieren

Beim Telefonieren merke ich diesen Unterschied besonders deutlich.

Ich kann zwei Stunden telefonieren und es großartig finden.

Wenn wir gemeinsam denken.

Eine Idee entwickeln. Ein Konzept bauen. Ein Problem auseinandernehmen. Hypothesen aufstellen. Gedanken hin- und herspielen und irgendwann an einer Stelle landen, von der vorher niemand wusste, dass sie überhaupt existiert.

Mein Gehirn ist beschäftigt.

Es darf verbinden, prüfen, verwerfen, entwickeln.

Ganz anders kann sich dasselbe Medium anfühlen, wenn mir jemand ausführlich von seinem Tag erzählt.

Und das ist ein interessanter Konflikt.

Denn emotional kann mich sehr interessieren, was dieser Mensch erlebt hat.

Mein Herz hört gerne zu.

Während mein Gehirn irgendwann etwas ratlos danebensteht und fragt:

„Und was genau soll ich jetzt mit all diesen Informationen machen?“

Dann bekomme ich viele einzelne auditive Informationen, ohne dass mein Gehirn damit etwas tun kann.

Und das kann mich erstaunlich anstrengen.

Sprechdenken heißt nicht: gut zuhören

Das war für mich selbst eine ziemlich interessante Erkenntnis:

Sprechdenken bedeutet nicht automatisch, dass man gesprochene Informationen besonders gut verarbeitet.

Ich kann Sprache hervorragend benutzen, um Gedanken zu produzieren – und gleichzeitig Schwierigkeiten damit haben, Sprache einfach nur als Informationsstrom aufzunehmen und zu speichern.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Genau deshalb lohnt es sich, im Coaching genauer hinzusehen

Wenn jemand beispielsweise sagt:

„Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

interessiert mich irgendwann auch:

Wie versuchst du denn gerade, diese Entscheidung zu treffen?

  • Denkst du seit Tagen alleine darüber nach?
  • Erzählst du fünf Menschen davon?
  • Schreibst du Pro-und-Contra-Listen?
  • Versuchst du, alle Informationen im Kopf zu behalten?
  • Brauchst du jemanden, mit dem du Möglichkeiten entwickeln kannst?

Oder brauchst du eigentlich keine weiteren Gespräche mehr, sondern ein großes Blatt Papier, auf dem endlich sichtbar wird, was längst alles da ist?

Dasselbe gilt für Emotionen.
Für Lernen.
Für Erinnern.
Für komplexe berufliche Entscheidungen.

Und für die Frage, warum wir in manchen Situationen messerscharf denken können und uns in anderen fühlen, als hätten wir plötzlich zehn Tabs zu viel im Kopf geöffnet.

Vielleicht ist die bessere Frage also nicht: „Welcher Typ bin ich?“

Sondern:

  • Wie entstehen meine Gedanken?
  • Was brauche ich, um Gefühle zu verstehen?
  • Wie sortiere ich Komplexität?
  • Was brauche ich, um eine Entscheidung zu treffen?
  • Wie nehme ich Informationen gut auf?
  • Und wodurch kann ich sie später wieder abrufen?

Diese Fragen finde ich für Coaching wesentlich interessanter als das Etikett „visuell“ oder „auditiv“.

Denn vielleicht lautet die Antwort fünfmal unterschiedlich.

Und genau darin kann eine ziemlich hilfreiche Erkenntnis liegen.

Es geht nicht darum, endlich herauszufinden, welcher Typ Mensch man ist.

Sondern darum, immer besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen das eigene Denken gut funktioniert.

Meine persönliche Kurzfassung kenne ich inzwischen ziemlich gut:

Reden, um Gedanken entstehen zu lassen.
Schreiben, um sie zu sortieren.
Sehen, um zu entscheiden.
Aufschreiben, um sie zu behalten.
Und wieder reden, wenn daraus etwas Neues entstehen soll.

Vielleicht sieht deine Bedienungsanleitung völlig anders aus.

Die spannendere Frage ist:

Kennst du sie eigentlich?

Du willst mehr über Sprechdenken und Denksprechen wissen?
Was die beiden unterscheidet und wie sie sich im Alltag zeigen, liest du in meinem Artikel Bist du eine Sprechdenkerin oder eine Denksprecherin?