Hochsensibel zwischen Intro und Extro
Warum deine Ambivalenz kein Persönlichkeitsproblem ist
Intro: Du bist nicht widersprüchlich. Du bist nur schwer einzuordnen.
Du brillierst in Workshops.
Du hältst Räume.
Du stellst die richtigen Fragen.
Du liest Stimmungen, noch bevor andere merken, dass es überhaupt eine gibt.
Und danach?
Bist du zwei Tage kaum ansprechbar.
Du liebst dein Team.
Und fantasierst regelmäßig davon, alleine im Wald zu leben. Oder wenigstens ohne Slack.
Und irgendwann kommt er, dieser Satz – von außen oder von innen:
„Entscheide dich doch mal.
Bist du jetzt introvertiert oder extrovertiert?“
Spoiler:
Wenn du hochsensibel bist, ist das die falsche Frage.
Introvertiert? Extrovertiert? Oder einfach falsch verstanden?
Die Persönlichkeitswelt liebt klare Kategorien.
Hochsensible Menschen sprengen sie.
Denn Hochsensibilität beschreibt keinen sozialen Stil, sondern eine Art der Reizverarbeitung.
Und genau hier entsteht die Ambivalenz, die so viele HSP verunsichert.
Nicht, weil sie unklar sind.
Sondern weil sie mehr gleichzeitig wahrnehmen.
Kurz & klar: Was die Forschung wirklich sagt
Der wissenschaftliche Begriff für Hochsensibilität lautet Sensory Processing Sensitivity (SPS), geprägt von Elaine Aron.
Kernpunkte aus der Forschung:
Hochsensible Menschen verarbeiten Reize tiefer und umfassender
Emotionale, soziale und sensorische Reize wirken stärker und länger nach
Das Nervensystem reagiert schneller auf Überstimulation
Entscheidend – und oft missverstanden:
👉 Hochsensibilität ist unabhängig von Intro- oder Extraversion.
Studien zeigen:
ca. 30 % der HSP sind extravertiert
ca. 40 % otrovertiert
ca. 30 % introvertiert
Heißt übersetzt:
Fast jede zweite hochsensible Person lebt mit zwei scheinbar gegensätzlichen Bedürfnissen gleichzeitig:
Kontakt & Rückzug
Bühne & Stille
Austausch & Alleinsein
HSP leben permanent in einer inneren Spannung zwischen Kontaktlust und Rückzugsbedarf.
Nicht, weil sie unklar ist.
Sondern weil zwei Systeme gleichzeitig aktiv sind.
Führung & Alltag: So zeigt sich diese Ambivalenz wirklich
Nicht im Persönlichkeitstest.
Sondern hier:
Du liebst Workshops, Moderation, Strategie –
und bist danach zwei Tage nicht ansprechbar.Du genießt Teamarbeit, Nähe, echte Gespräche –
und träumst regelmäßig von Alleinarbeit.Du führst empathisch, präsent, klar –
und bist innerlich erschöpft von Dauerverfügbarkeit.
Und dann kommt der Klassiker:
„Aber du bist doch so gut mit Menschen.“
Ja.
Und genau deshalb ist es anstrengend.
Denn Hochsensible führen nicht oberflächlich.
Sie gehen in Resonanz. Und Resonanz kostet Energie.
Warum genau das in Organisationen problematisch wird
Arbeitswelten sind auf Konstanz gebaut:
gleichbleibende Leistung
gleichbleibende Präsenz
gleichbleibende Belastbarkeit
Hochsensible Systeme funktionieren anders:
sie arbeiten in Zyklen
sie brauchen Nachhall
sie sind nicht linear leistungsfähig, sondern kontextabhängig hochwirksam
Das wird oft fehlinterpretiert als:
Unzuverlässigkeit
Launenhaftigkeit
mangelnde Belastbarkeit
In Wahrheit fehlt etwas anderes:
👉 eine Regenerationslogik.
Buchempfehlung: Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen – Dr. Rami Kaminski
(Danke Lena G. für den Tipp): Es ist ein Buch gegen Anpassung um jeden Preis.
Die Chamäleons auf dem Cover erzählen mehr als viele Ratgeber:
oben: ein einzelnes, andersfarbiges
unten: eine angepasste Gruppe
Kaminskis leise, aber klare Botschaft:
Nur weil du dazugehören kannst, heißt das nicht, dass es dir guttut.
Für hochsensible Menschen ist das zentral:
Sie sind oft sozial kompetent
Sie können sich anpassen
Sie funktionieren in vielen Systemen
Und genau das führt dazu, dass sie zu lange bleiben, zu viel tragen und sich selbst verlieren, ohne es zu merken.
Dieses Buch liefert keine Tipps.
Es liefert Erlaubnis.
Der eigentliche Denkfehler: „Ich muss mich festlegen“
Viele hochsensible Menschen versuchen:
ihre Extraversion zu zähmen, um nicht auszubrennen
oder ihre Introversion zu überwinden, um „mithalten“ zu können
Beides ist anstrengend.
Beides ist unnötig.
Die bessere Frage lautet:
In welchem Kontext darf welcher Teil von mir wirken und wie lange?
Reflexionsräume
Nimm dir Zeit für diese Fragen:
Wann kippt Kontakt in Überforderung – und warum genau dann?
Welche Rollen zwingen dich zur Dauerverfügbarkeit?
Wo verwechselst du Anpassung mit Zugehörigkeit?
Gedankenakrobaten-Moment
Auch ich kenne dieses innere Hin-und-Her:
Nähe und Rückzug
Sichtbarkeit und Verschwinden
Austausch und Stille
Früher dachte ich: Ich bin inkonsequent.
Heute weiß ich: Ich bin zyklisch.
Und genau das macht meine Wirksamkeit aus:
als Mensch, als Coach, als Führungskraft.
Fazit: Ambivalenz ist kein Makel. Sie ist dein Energiessystem.
Hochsensible Otrovertiertheit bedeutet:
feines Gespür für Kontexte
echte Beziehungskompetenz
ethische Wachheit
nachhaltige Führung – wenn sie bewusst gelebt wird
Du musst dich nicht entscheiden.
Du musst dich ernst nehmen.
Führung beginnt da, wo es unbequem wird. Genau dort fängt Wirkung an.
Deine Kristin von #Gedankenakrobaten









